Gottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Ein stiller Moment zwischen Maßkrügen und Musik
Antonio KlotzGottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Ein stiller Moment zwischen Maßkrügen und Musik
Jedes Jahr in der ersten Woche des Münchner Oktoberfests findet im Marstall-Zelt ein Gottesdienst statt. Diese ungewöhnliche Zusammenkunft hebt sich deutlich vom üblichen Bier- und Musiktreiben des Festes ab. Statt Maßkrüge und Blasmusik füllen für einen kurzen Moment Hymnen und Gebete den Raum – eine Andacht mitten im Trubel.
Geleitet wird der Gottesdienst von einem Pfarrer ohne eigene Gemeinde. Er findet in einem "Dorf" ohne klassischen Marktplatz statt, sodass das Festzelt zum improvisierten Versammlungsort wird. Dort, wo sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Band spielt, entsteht ein provisorischer Altar, von dem aus ein "Halleluja" erschallt – statt Polka-Klängen.
Im Zelt sind nur sechs Männer anwesend, jeder trinkt Wein aus einem goldenen Kelch. Einer von ihnen tritt ans Mikrofon und spricht eine Zeile aus dem Vaterunser: "Und führe uns nicht in Versuchung." Die kleine Schar erhebt sich und stimmt "Lobt den Herrn" an, ihre Stimmen durchbrechen die Stille.
Kein anderes deutsches Volksfest kennt eine vergleichbare Tradition. Zwar feiern viele Städte nach Oktoberfest-Art, doch der Gottesdienst im Marstall-Zelt bleibt ein Münchner Unikat.
Der jährliche Gottesdienst schafft einen seltenen Moment der Besinnung während des Oktoberfests. Er vereint eine kleine Gruppe in einem Raum, der sonst vom Feiern geprägt ist. Für die Anwesenden ist die kurze Zeremonie eine Tradition, wie es sie sonst nirgends im deutschen Festkalender gibt.






