1. Mai in Berlin: Zwischen Protestkultur und Partynacht – wie der Feiertag sich wandelt
Bert Henschel1. Mai in Berlin: Zwischen Protestkultur und Partynacht – wie der Feiertag sich wandelt
Erster Mai in Berlin: Vom Arbeiterkampf zur Mischung aus Protest, Kommerz und Partynacht
Der Erste Mai in Berlin hat sich von seinen Wurzeln als Arbeiterdemonstration zu einem Mix aus politischen Kundgebungen, kommerziellen Events und durchgefeierten Raves gewandelt. Während einige noch für Arbeitnehmerrechte auf die Straße gehen, sehen vor allem junge Menschen den Tag zunehmend als Gelegenheit zum Feiern – befeuert durch den Hype in den sozialen Medien. Auf dem Programm stehen heute feministische Proteste genauso wie teure Clubnächte.
Die politischen Veranstaltungen beginnen früh. Um 11 Uhr startet die DGB-Kundgebung am Strausberger Platz mit dem Aufruf zu einer geeinten Arbeiterbewegung. Um 13:12 Uhr versammelt sich die feministische Gruppe F_AJOC am Henriettenplatz nahe dem S-Bahnhof Halensee, um gegen patriarchale Gewalt zu protestieren. Zeitgleich beginnt um 13 Uhr die hedonistisch geprägte «My-Gruni»-Demo am Johannaplatz, die Aktivismus mit spielerischen Tönen verbindet.
Noch vor dem Ersten Mai findet am Vorabend, der Walpurgisnacht (30. April), um 20 Uhr am Zickenplatz (Hohenstaufenplatz) die queer-feministische «Take Back the Night»-Demonstration statt. Später, um 18 Uhr am 1. Mai, setzt sich von Oranienplatz aus die größte linksextreme Kundgebung Deutschlands in Bewegung – mit Tausenden Teilnehmenden.
Doch die Partyszene dominiert weite Teile der Aufmerksamkeit. Veranstaltungen wie «Rave Against the Fence» im Görlitzer Park verbinden ab 12 Uhr Musik mit politischen Reden. Influencer bewerben prall gefüllte Partypläne mit Club-Events, bei denen die Eintrittspreise von gratis bis zu 30 Euro reichen. Auch Spätis kassieren kräftig mit – bis zu 14 Euro verlangen sie für eine Flasche Rotkäppchen-Sekt.
Der Kommerz beschränkt sich nicht auf das Nachtleben. Das Gallery Weekend fällt zeitlich mit dem Ersten Mai zusammen und verwandelt die Stadt in einen Kunst- und Unterhaltungsknotenpunkt. Selbst das offiziell eingestellte MyFest zieht noch Scharen nach Kreuzberg und Neukölln, wo Alkohol und Straßenfeste locken. In sozialen Medien überlagern Partyguides die politischen Proteste und prägen so das Erleben des Feiertags für eine neue Generation.
Der Erste Mai spiegelt heute eine gespaltene Identität wider – teils Protest, teils Festival. Politische Gruppen mobilisieren weiterhin, doch Raves, hohe Preise und die Vermarktung in sozialen Medien haben sein Image verändert. Für viele steht nicht mehr der Kampf um Arbeitnehmerrechte im Vordergrund, sondern ein kommerzialisiertes, hedonistisches Spektakel.






