07 May 2026, 12:31

Halberstadts verdrängte jüdische Geschichte und der Kampf um Erinnerungskultur

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das zahlreiche weiße und blaue Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts verdrängte jüdische Geschichte und der Kampf um Erinnerungskultur

Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von Zerstörung und politischer Vernachlässigung überschattet. Die Synagoge der Stadt wurde 1938 niedergerissen – der Beginn einer traumatischen Ära, die bis 1942 die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde auslöschte. Jahrzehnte später wirft der Historiker Philipp Graf in seinen Forschungen ein neues Licht darauf, wie die antifaschistische Politik der DDR dieses Erbe ignorierte – und wie der latent vorhandene Antisemitismus 2018 wieder aufbrach.

Der Untergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann mit der Zerstörung der Synagoge 1938. Pfarrer Martin Gabriel von der Liebfrauenkirche bezeichnete dieses Ereignis später als den ersten Schlag einer Kampagne, die die jüdische Bevölkerung der Stadt zwischen 1938 und 1942 systematisch vernichtete. Nach dem Krieg wurde 1949 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge, wo Häftlinge für die unterirdische Rüstungsproduktion gezwungen wurden, eine Gedenkstätte eingerichtet.

1969 wurde diese jedoch nicht nur als Ort des Gedenkens, sondern auch als Instrument politischer Indoktrination umgestaltet. Sie diente fortan als Versammlungsort für Treuegelöbnisse und Jugendkundgebungen der DDR. Gleichzeitig wurden die Tunnelsysteme des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee zweckentfremdet – eine weitere Verdrängung seiner dunklen Vergangenheit.

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2018 kam die Thematik wieder auf, als der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen zu Murren über eine angebliche „Verschacherung an Juden“ führte. Dies veranlasste Philipp Graf, die verdrängte Geschichte der Stadt zu untersuchen. In seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ analysiert er, wie die antifaschistische Rhetorik der DDR ihr Versagen im Umgang mit Antisemitismus verschleierte. Sein Essay fordert moderne Leser:innen zudem auf, zu erkennen, wie sowohl rechtsextreme als auch linksextreme autoritäre Strömungen bis heute historische Verantwortung verfälschen.

Grafs Arbeit verbindet Halberstadts unbewältigte Vergangenheit mit aktuellen Spannungen. Die Gedenkstätte von 1949, ihre Umgestaltung 1969 und die militärische Nutzung der Lagertunnel in den 1970er-Jahren zeigen ein Muster der Geschichtsverdrängung. Seine Forschung bildet nun eine Grundlage, um Antisemitismus in all seinen Formen zu bekämpfen – ob er aus rechtsextremer Ideologie stammt oder sich hinter linkem Dogmatismus verbirgt.

Quelle